Die Liebesthematik im "Taugenichts"

 

Die Liebesthematik ist einer der grundlegenden Aspekte innerhalb Eichendorffs Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts". Auf seinen Reisen begegnet der Taugenichts zahlreichen schönen jungen Damen, zu denen er sich wie auch immer hingezogen fühlt. Dabei sind zunächst die eher flüchtigen "Bekanntschaften" zu erwähnen, die sekundärer Natur sind und bei den sich die Anziehung i.a. auf das körperliche gründet.

So begegnet der Taugenichts auf seiner Reise nach Italien einem "schmucke(m) Mädchen", an dem er offensichtlich gefallen findet. "[Sie] lachte mich freundlich an, und ihre perlweißen Zähne schimmerten recht charmant zwischen den roten Lippen hindurch, so daß ich sie wohl hätte darauf küssen mögen." (Kap. 3)

Ebenso wird die Faszination des Taugenichts am anderen Geschlecht implizit (in Bezug auf das Körperliche) auch auf dem Schloß in Italien (Kap. 7) deutlich. "Über einen Stuhl waren Frauenkleider unordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen lag das Mädchen, das mir gestern Abends bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen bloßen Arm gelegt, über den ihre schwarzen Locken herabfielen."

 

Seine wahre Liebe gilt jedoch der einen der beiden Damen, die ihn mit nach Wien genommen haben. Während seiner Reise nach und durch Italien denkt der Taugenichts immer wieder an sie, Aurelie (der Name kommt lediglich einmal als Unterschrift eines Briefes vor [Kap. 6]), die "besonders schön und jünger als die andere" ist.

Hervorzuheben ist, daß es sich hierbei keinesfalls um eine rein körperliche, sondern ebenso – wenn nicht gar primär – um eine ideelle bzw. platonische Liebe handelt. Der Taugenichts findet ebenso gefallen an der "allerschönsten Dame", weil sie zum einen dem Schönen gegenüber empfindsam ist, und zum anderen, weil sie mit einer "Gitarre oder einem Buch [...] durch den Garten zieht und "so wundersam" singt (Kap. 1), was für den Taugenichts Beweise sind, daß auch sie musisch ist, der Muße bedarf und daß sie ihm wesensverwandt erscheint.

 

Zwar wird der Taugenichts durch Aurelies Attraktivität angezogen, doch zugleich wird ihre Schönheit in einem (nahezu) religiösen Maße stilisiert. So spricht der Taugenichts von ihr als Engelsbild (Kap. 1); dabei verstärkt der Engel als Attribut der schönen Frau zum einem die (scheinbare) Ferne zur Geliebten, deren (scheinbare) Unerreichbarkeit, zum anderen wird dadurch auf ihre Glückseligkeit sowie auf ihre Reinheit und Unschuld hingewiesen. Reinheit und Unschuld werden dabei auch durch die Tropen des weißen Kleides und des weißen Mondes zum Ausdruck gebracht. So sieht der Taugenichts "die schöne, junge gnädige Frau, in ganz weißen Kleide, wie eine Lilie in der Nacht, oder wie wenn der Mond über das klare Firmament zöge" (Kap. 2).

Wichtig ist auch, daß Aurelie immer wieder in Verbindung mit Blumen gebracht wird (vgl. Romantische Motive). So funkeln im ersten Kapitel ihre Augen zwischen den Blumen des Lusthauses hervor, im zweiten Kapitel schlummert sie in der Vorstellung des Taugenichts sogar "zwischen Blumen und unter seidnen Decken". Dabei verdeutlichen die Blumen nicht nur die jeweilige Jahreszeit, sondern bringen sie auch das Poetische Aurelies und ihren engen Bezug zur Natur und deren Schönheit zum Ausdruck.

Somit ist es nicht weiter verwunderlich, daß der Taugenichts Aurelie für eine vermeintliche Gräfin hält. Von daher wird sie im ersten und zweiten Kapitel mit zahlreichen Attributen des Adels ausgestattet.

 

Die Liebe läßt sich als eine romantische (vgl. die zahlreichen romantischen Motive wie z.B. die Lilie) bzw. poetische Liebe, eine Liebe der Gefühle bezeichnen. Ausgetragen wird sie – zunächst in Form der Liebessehnsucht des Taugenichts – im Schloßgarten. An diesem Liebesort verehrt der Taugenichts sie schöne Dame, die zum Mittelpunkt all seines Seins avanciert (Kap. 1 / 2).

Durch die nächtliche Szene jedoch, in welcher der Taugenichts seine Angebetete mit einem hohen Herrn, "stattlich in Uniform, [...] auf den Balkon heraus" treten sah (Kap. 2), machen (zunächst) alle seine Hoffnungen zunichte. Schon zuvor wurde er von Nichtigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln geplagt, doch nun ist er des Schlosses vollends überdrüssig, so daß ihm eines Morgens ist, "als müßt‘ ich nur sogleich [...] weit, weit in die Welt" (Kap. 2).

 

Obwohl er auf seine Italienreise von seine Geliebten immer weiter räumlich getrennt ist, so ist sie in seinen Träumen und Gedanken doch stets nah und läßt ihn nicht los (insbesondere: Kap. 6). Schließlich stellt sich heraus, daß die vermeintlichen Standesunterschiede doch nicht existent sind, so daß einer glücklichen Beziehung nichts mehr im Wege steht (Kap. 10).

 

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© 1999 by Karin Lüer und Keyvan Sarkhosh