AUFKLÄRUNG UND JUDENTUM: TOLERANZ NUR ALS FERNZIEL
 
 

1754 erschien von Lessing ein Lustspiel mit dem Titel "Die Juden", dessen Hauptperson ein edler Jude ist, der allen Vorurteilen mit Toleranz und Menschlichkeit begegnet und der damit seine anfänglichen Gegenspieler zum Umdenken bewegt. Nachdem ein bekannter Literaturkritiker der damaligen Zeit an dem Stück bemängelte, dass die Hauptperson für einen Juden zu "redlich" dargestellt sei, gab Lessing ihm zur Antwort, dass er das Vorbild für seine edle literarische Figur persönlich kenne:
 
 

Er ist wirklich ein Jude, ein Mensch von etlichen zwanzig Jahren, welcher ohne alle Anweisung, in Sprachen, in der Mathematik in der Weltweisheit, in der Poesie, eine große Stärke erlangt hat. Ich sehe ihn im voraus als eine Ehre seiner Nation an, wenn ihn anders seine eigene Glaubensgenossen zur Reife kommen lassen, die allezeit ein unglücklicher Verfolgungsgeist wider Leute seines gleichen getrieben hat.
 
 

Der Mann, von dem Lessing sprach, hieß Moses Mendelssohn (1729 - 1786). Er sollte zur zentralen Gestalt der Berliner Judengemeinde und zu einem der geistigen Führer der Aufklärung werden. Mendelssohn war Fabrikinspektor in einer Seidenwaren-Manufaktur und führte ein bescheidenes Leben als Privatgelehrter. Er predigte die Toleranz und trat für die Gleichachtung der Religionen und ihre Unabhängigkeit vom Staat ein. Seinen Zeitgenossen galt er als Muster an Bescheidenheit und Wahrheitsliebe. Lessing setzte ihm mit der Person des "Nathan" ein literarisches Denkmal.
 
 

1769 schickte der damals ebenfalls sehr bekannte Schweizer Theologe und Dichter Johann Caspar Lavater Mendelssohn eine "philosophische Untersuchung der Beweise für das Christentum" mit der sehr freundlich gehaltenen Aufforderung, "dieselbe öffentlich zu widerlegen" oder, wenn er dies nicht könne, den Glauben zu wechseln. Mendelssohn konnte nicht anders, als diese Herausforderung anzunehmen und öffentlich zu antworten. Er tat das, indem er zunächst darauf hinwies, dass es Geist der jüdischen Religion sei, niemanden bekehren zu wollen, und dass er gerne alle Religionsstreitigkeiten vermieden hätte:
 
 

Die verächtliche Meinung, die man von einem Juden hat, wünschte ich durch Tugend, und nicht durch Streitschriften widerlegen zu können. [ ... ] Nach den Grundsätzen meiner Religion soll ich niemand, der nicht nach unserm Gesetze gebohren ist, zu bekehren suchen. [ ... ] Alle übrigen Völker der Erde, glauben wir, seyen von Gott angewiesen worden, sich an das Gesetz der Natur und an die Religion der Patriarchen zu halten. Die ihren Lebenswandel nach den Gesetzen dieser Religion der Natur und der Vernunft einrichten, werden tugendhafte Männer von andern Nationen genennet und diese sind Kinder der ewigen Seligkeit.
 
 

Nicht die Glaubenszugehörigkeit ist also entscheidend für den Wert eines Menschen, sondern seine tugendhafte, an Natur und Vernunft ausgerichtete Lebensführung. Leider entsprach Mendelssohns Idealbild einer tugendhaften und menschlichen Gesellschaft durchaus nicht der gesellschaftlichen Realität, der gerade die Juden ausgesetzt waren. Am 28.7.1780 schrieb Mendelssohn folgende Zeilen an einen Benediktinermönch:
 
 

Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichwohl so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränkt, dass ich meinen Kindern zu Liebe mich den ganzen Tag in einer Seidenfabrik, so wie Sie - - sich in einem Kloster, einsperren muß; und den Musen nicht so fleißig opfern darf, als ich es wünsche, weil es mein Prior nicht zugeben will. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragt die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? was haben wir ihnen gethan? -ja, lieber Papa! spricht ein anderes, sie verfolgen uns imnier in den Straßen, und schimpfen: Juden! Juden! Ist denn dieses so ein Schimpfbei den Leuten, ein Jude zu seyn? Und was hindert dieses andere Leute? - Ach! ich schlage die Augen unter und seufze mit mir selber: Menschen! Menschen! wohin habt Ihr es endlich kommen lassen?
 
 

Dass dies keine Ausnahme war, wird klar, wenn man einen Blick in ein weitverbreitetes Nachschlagewerk des 18. Jahrhunderts wirft. Unter dem Artikel Juden oder Jüden" heißt es dort unter anderem:
 
 

Sie sind unsere geschworne Feinde. Und wie offt haben sie nicht Christen-Kinder geschlachtet, gecreutziget, im Mörser zerstossen. Sie sind die ärgsten Diebe, und Betrug ist ihr eigentliches Wahrzeichen. [ ... ] Sie müssen ihren Hals unter das Joch fremder Obrigkeit beugen, und ihre Schultern neigen zu aller Bürde, die ihnen harte Herren auflegen wollen. Ja, GOTT hat sie auch in der Natur gezeichnet: Gewiß, ein Juda hat etwas an sich, daran man ihn bald erkennen, und von andern Menschen unterscheiden kann.
 
 

Dieses Lexikon erschien schon 1735 und gibt 30 Jahre später in seiner Radikalität sicherlich nicht mehr die allgemeine Meinung wieder, aber dennoch ist klar, dass die Juden sich auch im Zeitalter der Aufklärung noch immer bösartigen Vorurteilen ausgesetzt sahen. Dem wollte Lessing entgegenwirken und dabei ging es ihm nicht nur darum, das Bild der Juden zurechtzurücken, sondern es ging ihm um Grundsätzlicheres: um religiöse Toleranz und Menschlichkeit als Voraussetzung für eine bessere und friedlichere Welt.
 
 

Untrennbar damit verbunden ist im übrigen seine Einstellung dem erhöhten Nationalgefühl vieler seiner Freunde bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges gegenüber. Am 14. 2. 1759 schreibt er an seinen Freund, den patriotischen Dichter J. W. L. Gleim:
 
 

Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es tut mir leid, dass ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs Höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre. - Doch lassen Sie mich davon nichts weiter schreiben. Ich rühme mich, dass ich von der Freundschaft desto höhere Begriffe habe. [ ... ]
 
 

Quelle: R. Lindenhahn (Hg.), Arbeitshefte zur Literaturgeschichte. Aufklärung. Berlin 1995 (Cornelsen), S. 36 ff.