DRAMENTHEORIE DES ARISTOTELES

ARISTOTELES: POETIK (um 335 v. Chr.)



DIE KOMÖDIE

Die KOMÖDIE ist, wie gesagt, die nachahmende Darstellung niedrigerer Menschen, ohne dass sie

jedoch auf jede Art von Schlechtigkeit einzugehen brauchte, sondern es fällt in ihren Bereich nur das

Hässliche und Gemeine, soweit es lächerlich ist. Denn lächerlich ist eine Verfehlung und eine Art von

Hässlichkeit und Gemeinheit, die keinen Schmerz verursacht und nichts Verletzendes hat, wie ja auch

gleich die komische Maske etwas Hässliches und Verzerrtes hat, das aber niemand weh tut. [...]
 
 

DAS EPOS

Das EPOS und die TRAGÖDIE stimmen darin miteinander überein, dass beide eine Nachahmung

ernster Handlungen in gebundener Rede sind.

Dagegen unterscheidet sich das Epos von der Tragödie dadurch, dass es ein einheitliches Versmaß hat

und nur berichtet, und dann auch durch seinen Umfang.

Denn die Tragödie versucht eine Handlung darzustellen, die sich innerhalb eines einzigen Tages

abspielt oder doch nicht weit darüber hinausreicht; das Epos dagegen ist zeitlich unbegrenzt. [...]
 
 

DIE TRAGÖDIE

Jetzt aber wollen wir über die TRAGÖDIE sprechen und aus dem Gesagten den sich ergebenden

Begriff ihres Wesens entnehmen. Es ist also die TRAGÖDIE die nachahmende Darstellung einer

ernsten und in sich abgeschlossenen Handlung, die eine gewisse Größe hat, in kunstvollem Stil, der in

den einzelnen Teilen sich deren besonderer Art anpasst, einer Handlung, die nicht bloß erzählt,

sondern durch handelnde Personen vor Augen gestellt wird und die durch Mitleid und Furcht

erregende Vorgänge die Auslösung (Katharsis) dieser und ähnlicher Gemütsbewegungen bewirkt.

Unter kunstvollem Stil verstehe ich einen solchen, der sich in Rhythmus und Harmonie, d.h. Melodie

bewegt, und damit, dass er in den einzelnen Teilen sich deren besonderer Art anpasst, meine ich, dass

einige Teile nur in Versmaßen abgefasst, andere wiederum musikalisch komponiert werden. Da es

ferner handelnde Personen sind, die die Darstellung vorführen, so muss notwendig der auf den

Anblick berechnete Schmuck in der Ausstattung einen Teil der Tragödie bilden, ferner die

musikalische Komposition und der sprachliche Stil: Denn das sind die Mittel zur nachahmenden

Darstellung. Unter dem sprachlichen Stil verstehe ich hier den Bau der Verse; was musikalische

Komposition bedeutet, liegt ja klar am Tage.

[...]

Die Tragödie ist aber nicht nur die Darstellung einer in sich abgeschlossenen Handlung, sondern auch

einer solchen, in der Mitleid und Furcht erregende Vorgänge vorkommen. Diese Wirkung wird am

meisten dann eintreten, wenn etwas aus dem inneren Zusammenhang heraus wider Erwarten geschieht.

In diesem Falle wird das Wunderbare noch mehr Eindruck machen, als wenn es nur von selbst und

zufällig eintritt. Denn auch unter den zufälligen Vorkommnissen solcher Art, erscheinen diejenigen am

wunderbarsten, in denen eine Absicht zu walten scheint, wie z.B. bei jener Statue des Mitys in Argos,

die auf seinen Mörder fiel und ihn tötete, als er sie gerade betrachtete. Denn ein solches Geschehen

scheint nicht sinnlos zu sein. Deshalb sind solche Stoffe notwendig für die dichterische Behandlung

vorzuziehen.

[...]

Da der Aufbau einer idealen Tragödie nicht einfach sein darf, sondern verflochten sein muss und sie,

gemäß der ihr eigenen Darstellungsform, solche Handlungen zur Darstellung zu bringen hat, die Mitleid

und Furcht erregen, so ist fürs erste klar, dass darin weder sittlich besonders tüchtige Menschen

vorkommen dürfen, die vom Glück ins Unglück stürzen - denn das erregt weder Furcht noch Mitleid,

sondern ist einfach entsetzlich- , noch Schurken, die vom Unglück ins Glück kommen: denn das wäre

das Alleruntragischste, und ein solches Motiv ließe alles vermissen, was man hier braucht: es würde

weder menschliche Teilnahme noch Mitleid und Furcht erwecken. Es dürfen jedoch auch nicht ganz

böse Menschen aus dem Glück ins Unglück geraten. Die menschliche Teilnahme würde das ja zwar

berühren, aber weder Mitleid noch Furcht erregen. Es bleibt also derjenige Typos übrig, der zwischen

diesen Extremen die Mitte hält. Ein solcher ist, wer sich weder durch Tugend und Gerechtigkeit

auszeichnet, noch infolge von Schlechtigkeit und Schurkerei ins Unglück gerät, sondern durch

irgendeinen Fehltritt. Und zwar werden es Menschen in hoher Stellung und glücklichen äußeren

Verhältnissen sein, wie Ödipus und Thyestes und andere hervorragende Männer aus solchen

Geschlechtern.
 
 

Aristoteles: Poetik. In: Aristoteles, Hauptwerke. Übs. v. Nestle, Stuttgart (Kröner) S. 340ff. (gekürzt)