Antisemitismus, ein im 19. Jahrhundert entstandener Begriff,
der die Feindseligkeit gegen Juden bezeichnet. Dabei richtet sich diese
gegen Menschen jüdischer Herkunft, unabhängig davon, ob sie religiös
sind oder nicht. Als Semiten wurden ursprünglich alle Nachfahren Sems,
des ältesten Sohnes des biblischen Patriarchen Noah, bezeichnet. Damit
bezieht sich dieser Ausdruck auf eine Gruppe von Völkern des Nahen
Ostens, zu der Juden und Araber gleichermaßen gehören. Später
wandelte sich der Sprachgebrauch, und ausschließlich die Juden wurden
Semiten genannt. Der Begriff Antisemitismus wurde 1879 von Wilhelm Marr
geprägt, der mit zu seiner Verbreitung beitrug. Zur Rechtfertigung
dieser Feindseligkeit wurden rassistische Theorien herangezogen, die sich
Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich, England und Deutschland entwickelt
hatten. Diesen Theorien zufolge sollten „arische" (Sanskrit arisch: edel)
Völker den semitischen Völkern körperlich und charakterlich
überlegen sein. Die Nationalsozialisten bezeichneten mit „arisch"
später weiße nichtjüdische Völker. Obwohl kein ernstzunehmender
Ethnologe diese „Theorie" akzeptieren konnte, wurden die Bücher des
französischen Diplomaten und Sozialphilosophen Comte Joseph Arthur
de Gobineau und des deutschen Philosophen und Wirtschaftswissenschaftlers
Karl Dühring, in denen antisemitische Auffassungen vertreten wurden,
viel gelesen. Die nationalsozialistische Rassentheorie führte in Deutschland
zur systematischen Verfolgung der Juden und zum Holocaust.
Zur Erklärung des Phänomens Antisemitismus gibt es viele
Theorien. Heute sind sich die Sozialwissenschaftler weitgehend einig, daß
der Antisemitimus, wie der Rassismus überhaupt, verstärkt in
Zeiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Krisen und Instabilität
aufkommt. Dies war in Deutschland in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
und in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg der Fall. Dieser Theorie zufolge werden
die Unzufriedenheit weiter Teile der Gesellschaft sowie Aggressionen und
Frustrationen, die diese Krisenzeiten mit sich bringen, an Sündenböcken
ausgelassen. So sind in der Geschichte die Juden häufig zu Sündenböcken
abgestempelt und zur Zielscheibe gesellschaftlicher Agression geworden.
Verfolgung in Westeuropa
Antijüdische Hetze hat es bereits in der Antike gegeben. Im
Römischen Reich lieferte beispielsweise das Festhalten der Juden an
ihrem Glauben und ihrem Gottesdienst einen Vorwand für ihre politische
Diskriminierung. Nur sehr wenige Juden durften römische Bürger
werden. Spätestens seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert wurden
die Juden von den Christen als die Mörder Jesu Christi angesehen.
Mit dem Aufstieg und schließlich der Herrschaft des Christentums
im ganzen Abendland verbreitete sich auch die religiös begründete
Diskriminierung der Juden. So wurden während der Kreuzzüge eine
große Zahl von Juden umgebracht. Sie wurden in Ghettos verbannt,
mußten Kennzeichen oder Kleidung tragen, an denen man sie als Juden
erkennen konnte. Wirtschaftliche Beschränkungen führten dazu,
daß sie sozial und ökonomisch benachteiligt waren. Im 18. und
19. Jahrhundert trugen die Französische Revolution, das Zeitalter
der Aufklärung, die sich allmählich durchsetzende Trennung von
Kirche und Staat und die Entwicklung der modernen Nationalstaaten dazu
bei, daß die religiöse und wirtschaftliche Verfolgung der Juden
abnahm. Dies führte dazu, daß sich die Juden stärker in
die wirtschaftliche und politische Ordnung integrierten. Die Akzeptanz
der Juden durch nichtjüdische Mehrheiten war jedoch nur oberflächlich
und hing meist von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage ab.
Mit der Gründung des Kaiserreiches 1871 war in Deutschland der
Prozeß der Assimilation abgeschlossen. Die religiös begründete
Diskriminierung war aufgrund geänderter Gesetze strafbar, wobei jedoch
die rassistisch motivierte Feindseligkeit zunahm. Die biologisch-deterministischen
Rassenlehren, die im 19. Jahrhundert aufgekommen waren, bildeten nach dem
Ende des Deutsch-Französischen Krieges und während der Wirtschaftskrise
des Jahres 1873 die Grundlage für die Bildung antisemitischer politischer
Parteien. Bis 1933 gab es dann in Deutschland mehrere politische Parteien,
die offen antisemitisch agitierten. Danach wurde der Antisemitismus unter
der Herrschaft des Nationalsozialismus zur offiziellen Regierungspolitik.
Auch in anderen Ländern West- und Mitteleuropas entstanden antisemitische
Strömungen. So war der Antisemitismus ein Programmpunkt der christlich-sozialen
Partei Österreichs. In Frankreich hing der Antisemitismus mit dem
umfassenderen Problem der Trennung von Kirche und Staat zusammen. Klerikale
und royalistische Gruppen vertraten eine antisemitische Haltung, die auf
Rassentheorien aufbaute. Diese Auffassungen wurden in zahlreichen antisemitischen
Schriften verbreitet, insbesondere in der Zeitung La libre parole, die
der französische antisemitische Journalist und Schriftsteller Edouard
Drumont 1892 gegründet hatte. Der französische Antisemitismus
fand seinen Höhepunkt in der Dreyfus-Affäre zwischen 1894 und
1906, in der ein jüdischer Offizier der französischen Armee zu
Unrecht wegen Verrats zu Gefängnis verurteilt wurde. Nach Dreyfus'
Freilassung nahm jedoch der Antisemitismus in der französischen Politik
ab.
Verfolgung in Osteuropa: Pogrome
Im Mittelalter waren die osteuropäischen Juden traditionell ökonomisch
und sozial isoliert. Im Gegensatz zur Assimilation der Juden in Westeuropa
wurde die Isolation der Juden in Osteuropa nie aufgebrochen. Vielmehr waren
die Juden seit dem Mittelalter zunehmenden Repressalien ausgesetzt. In
Rußland wurden Maßnahmen beschlossen, Juden keinen Landbesitz
zuzugestehen und die Anzahl der Juden an Universitäten auf drei bis
zehn Prozent aller Studierenden zu begrenzen.
Die Judenverfolgung in Osteuropa war mit Plünderungen und Morden
verbunden und gipfelte in Pogrome, die 1881 einsetzten. Eine der schlimmsten
Ausschreitungen fand 1906 in Rußland nach der gescheiterten Revolution
von 1905 statt. In über 600 Dörfern und Städten wurden Tausende
von Juden niedergemetzelt und ihre Häuser geplündert und zerstört.
Die Pogrome resultierten zum größten Teil aus einer Regierungspolitik,
die darauf abzielte, die Unzufriedenheit der russischen Arbeiter und Bauern
auf einen religiösen Gegner umzulenken. Zu diesem Zweck wurde eine
bisher unbekannte Massenpropaganda eingesetzt. Teil dieser Propaganda war
die gefälschte Publikation der Protokolle der Weisen von Zion, die
angeblich eine jüdische Weltverschwörung enthielt, die das Ziel
hatte, die Weltherrschaft der Erde an sich zu reißen. Diese „Protokolle"
wurden 1905 in Rußland veröffentlicht und verbreitet. Sie enthielten
Materialien, die sich eindeutig auf einen erfundenen Text zurückführen
lassen. Solche vorsätzlichen Fälschungen spielten auch bei dem
Pogrom nach der russischen Revolution von 1917 eine Rolle, das Hunderttausende
von Opfern forderte.
Organisierter Antisemitismus als Mittel der Politik
Zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg waren antisemitische Einstellungen
international verbreitet. Im Deutschland der dreißiger und vierziger
Jahre wurde, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war,
der Antisemitismus zur politischen Ideologie.
Der Inhalt der nationalsozialistischen Propaganda war vielfältig.
Sie griff die Rassenlehre auf und machte sich den alten religiösen
Haß zunutze. Sie identifizierte die Juden mit dem Kapitalismus und
machte sie gleichzeitig für die Ausbreitung des Kommunismus in Deutschland
und anderen Ländern verantwortlich.
Diese systematische Verfolgung der Juden wie auch der Homosexuellen
und körperlich oder geistig Behinderten war Teil des nationalsozialistischen
Programms der Eugenik, das in der Vernichtung sogenannten „lebensunwerten
Lebens" bestand. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten
1933 wurden besondere Gesetze erlassen, die den Juden eine mindere Rechtsstellung
zuwiesen und durch die ihr Besitz beschlagnahmt wurde. Ausschreitungen
gegen jüdische Personen und Einrichtungen gipfelten im November 1938
in der Reichskristallnacht. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde die
organisierte Judenverfolgung auf die von Deutschland besetzten Gebiete
ausgeweitet. Die „Endlösung der Judenfrage" bedeutete in Deutschland
die gnadenlose Vernichtung des jüdischen Volkes, ein Verbrechen, das
im internationalen Recht heute als Völkermord verurteilt wird. Bis
zum Ende des Krieges wurden rund sechs Millionen Juden, zwei Drittel der
jüdischen Einwohner Europas, in Konzentrationslagern, durch Massaker
und systematische Exekutionen ermordet. Opfer der nationalsozialistischen
Politik waren neben den Juden Homosexuelle, Demokraten, Kommunisten, Sinti
und Roma sowie andere ethnische Gruppen.
Als nach dem Krieg das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft bekannt wurde, löste dies heftige Reaktionen aus.
Diese führten u. a. zur Formulierung der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte, die 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen
verabschiedet wurde. Bei den Nürnberger Prozessen wurden 1945 viele
führende Nationalsozialisten aufgrund von Verbrechen gegen die Menschlichkeit
angeklagt. Auch danach gab es in der Bundesrepublik Prozesse gegen Kriegsverbrecher,
insbesondere in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Bundesrepublik
leistete Wiedergutmachungszahlungen für Besitz und Immobilien, die
den Juden genommen worden waren sowie Entschädigung der Opfer des
Nationalsozialismus. Auch in der ehemaligen DDR fanden Kriegsverbrecherprozesse
statt, wobei einige Todesurteile ausgesprochen wurden. Die DDR lehnte es
jedoch ab, Wiedergutmachungszahlungen zu leisten, da sie sich nicht als
Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches verstand. Zwar ist die offizielle
Haltung im wiedervereinigten Deutschland strikt gegen den Antisemitismus
gerichtet, jedoch waren auch im Nachkriegsdeutschland Gewalt und Feindseligkeit
gegen Juden zu registrieren. Diese reichen von antisemitischen Äußerungen
bis hin zu Ausschreitungen, die antisemitisch motiviert sind. In den anderen
westlichen Demokratien hat das abschreckende Beispiel der nationalsozialistischen
Politik der Judenvernichtung dazu geführt, daß der Antisemitismus
in der Nachkriegszeit abnahm. In den neunziger Jahren sind jedoch in Großbritannien,
Frankreich und anderen europäischen Ländern und den USA kleinere
reaktionäre und rassistische Parteien und Gruppen entstanden, die
ein militantes Potential darstellen.
Antisemitismus nach dem 2. Weltkrieg
Auch nach dem 2. Weltkrieg waren jüdische Einrichtungen immer
wieder das Ziel von antisemitischen Angriffen. So wurden Synagogen in Brand
gesteckt und jüdische Gräber geschändet. Vorwiegend waren
kleine neonazistische Gruppen für antisemitische Propaganda gegen
Juden verantwortlich. Seit Ende der sechziger bis in die neunziger Jahre
kam in den Vereinigten Staaten eine neue Phase des Antisemitismus auf,
bei der es zu Feindseligkeiten zwischen Schwarzen und Juden kam, die zu
Zusammenstößen führten. Die Kirchen haben im allgemeinen
auf die Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Regime reagiert und
bemühen sich, die religiösen Begründungen der Vorurteile
zu beseitigen. Die christlich-jüdische Zusammenarbeit wurde in der
Nachkriegszeit stark ausgeweitet. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil
(1962-1965) sprach die römisch-katholische Kirche die Juden in aller
Form von der Anklage frei, für den Tod Jesu Christi Verantwortung
zu tragen, und verurteilte Völkermord und Rassismus als unchristlich.
Viele alte Nationalsozialisten hatten sich nach dem 2. Weltkrieg nach
Lateinamerika geflüchtet. 1960 nahm der israelische Geheimdienst den
nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Adolf Eichmann fest und brachte
ihn nach Israel. Eichmann wurde anschließend in Jerusalem wegen Verbrechen
gegen die Juden vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.
Im Nahen Osten, wo mehrere semitische Völker beheimatet sind,
entwickelte sich nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948
im Zusammenhang mit einem erstarkenden Antizionismus (siehe Zionismus)
eine neue Form der antijüdischen Haltung. 1948 führte die Gründung
des Staates Israel zu Konflikten mit den arabischen Einwohnern, den Palästinensern.
Sie fühlten sich durch den israelischen Staat in ihrer Existenz bedroht,
denn dieser beanspruchte das Land, in dem sie geboren waren, für sich.
Viele Palästinenser wurden vertrieben, was bei den Mitgliedern der
Arabischen Liga auf entschiedenen Widerstand stieß. In den folgenden
Jahren kam es zu verschiedenen Grenzzwischenfällen zwischen Israel
und seinen arabischen Nachbarn, die in den Jahren 1948 bis 1949, 1956,
1967, 1973 und 1982 zu Kriegen führten. Die Palästinensische
Befreiungsorganisation (Palestine Liberation Organization, PLO), die im
Mai 1964 gegründet worden war, führte in Israel und in anderen
Ländern Guerillaaktionen gegen Israel durch. Die Staaten der Arabischen
Liga belegten Staaten und Unternehmen, die mit Israel zusammenarbeiteten,
mit Wirtschaftssanktionen. Dies wurde nach dem Krieg von 1973 besonders
wichtig.
In der Union der Sozialistischen Sowjetrepubiken (UdSSR) überlebte
das antisemitische Erbe der Zarenzeit bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg.
Da das Judentum als Religion angesehen wurde, war es für den orthodoxen
Sowjetkommunismus nicht akzeptabel. Die jüdische Presse wurde unterdrückt,
führende jüdische Schriftsteller wurden zum Schweigen gebracht,
die Bildungsmöglichkeiten für Juden beschnitten. Die Emigration
war für Juden nahezu unmöglich. Erst im Zuge der politischen
Umbrüche in der UdSSR und in Osteuropa Ende der achtziger Jahre wurde
den Juden die Emigration erleichtert. Das Erstarken des Nationalismus,
das den Untergang der UdSSR und den Niedergang des Kommunismus begleitete,
führte jedoch zu Beginn der neunziger Jahre zu neuen antisemitischen
Feindseligkeiten. Siehe Neonazismus.
"Antisemitismus," Microsoft(R) Encarta(R) 97 Enzyklopädie. (c)
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